Er kommt spät, aber umso gewaltiger: der wahre Nachfolger des legendären Mercedes-Flügeltürers. Sein Name: SLS AMG. AUTO BILD stellt den 571 PS starken Supersportler aus Affalterbach vor.Die Heimat der Supersportwagen ist Italien. Auch England. Deutschland? Kaum. Abgesehen vom Audi R8 präsentiert sich das Autoland Deutschland, was die lupenreinen Überflieger betrifft, als Wüste. BMW? Fehlanzeige. Porsche? Früher mal (Carrera GT ). VW? Deren Bugatti ist Franzose. Mercedes? Da gibt es den McLaren SLR – und der entsteht größtenteils in England. So gesehen also höchste Zeit für ein Auto wie den Mercedes SLS AMG: Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch und so bewegend, dass der etablierten Supersportwagen-Kamarilla die Tränen kommen werden. Schon wegen der Flügeltüren. Keine halbgaren Flatterflügel, die nach vorn klappen. Nein, echte Schwingen. Genau so wie bei der Flügeltürerlegende 300 SL. Mal abgesehen davon, dass sie seinerzeit in den 50ern kein Gag waren, sondern pure Notwendigkeit: Anders wären die Leute über die extrem hohen und breiten Schweller gar nicht ins Auto gekommen.
Der SLS ist die erste komplette Eigenentwicklung von Haustuner AMGDiesmal ist es eher eine Verbeugung an den letzten großen Helden unter den Mercedes-Sportwagen. Und auch sonst soll der SLS mit dem traditionellen Grill optisch an ihn erinnern. Alles andere hat dagegen mit lauschiger Nostalgie nichts zu tun. Der SLS ist ein Hardcore-Bolide, durchtrainiert bis in die letzte Faser. Er soll der Welt zeigen, was das firmeneigene Sportstudio namens AMG leisten kann. Und so, wie es aussieht, sind die AMG-Leute zu allem fähig: Anders als frühere Kreationen basiert der SLS auf keinem Serien-Mercedes, sondern ist ein reines Eigengewächs. Seine Karosserie ruht auf einem Gerüst aus Strangpress-Profilen (alles Aluminium), ein Novum bei Mercedes. Vorn, tief hinter der Vorderachse – der beste Platz im Chassis –, arbeitet der AMG-eigene 6,2-Liter-V8, aber auch er ist nicht mehr ganz so, wie wir ihn kennen: neuer, atmungsaktiver Ansaugtrakt, überarbeiteter Ventiltrieb, auslassseitig zwei optimierte Fächerkrümmer und – der Kenner zieht ehrfurchtsvoll die Sportmütze – Trockensumpfschmierung.
Im Flügeltürer sorgen 571 V8-PS und 650 Nm für reichlich DampfIm Klartext: Die übliche Ölwanne ersetzt ein separater Tank, Pumpen schaffen das Öl dorthin, wo es gebraucht wird. Vorteile: Der Motor kann weiter nach unten rücken (niedriger Schwerpunkt), und die Schmierung bleibt auch bei extremer Kurvenfahrt gewährleistet. Heraus kommen 571 PS bei 6800/min und 650 Nm Drehmoment bei 4750/min. Im SL 63 AMG mussten 525 PS (630 Nm) genügen. Ähnlich zünftig geht es stromabwärts im Antriebsstrang weiter. Kupplungen und Getriebe sind hinten mit dem Sperrdifferenzial verblockt. Ein Rohr sorgt für eine starre Verbindung mit dem Triebwerk, in seinem Innern rotiert eine Kardanwelle aus Carbonwerkstoff. Das typische Transaxle-Konzept also und mitverantwortlich für die Traumgewichtsverteilung von 48 zu 52 Prozent (vorn/hinten). Ach ja, zum Thema "Kupplungen": Die für Sportfahrer abtörnende Automatik ersetzt erstmals bei AMG ein Doppelkupplungsgetriebe (DSG) mit sieben Gängen und diversen Schaltprogrammen. Logisch, dass auch beim Fahrwerk keine Kompromisse gemacht werden: Rennsport-inspirierte Doppelquerlenker-Achsen aus Aluminium vorn und hinten, gewichtssparende, weil warmverformte Aluräder (1,1 Kilogramm weniger pro Rad), Bereifung vorn 265/35 R 19, hinten 295/30 R 20. Dazu Bremsen mit üppig bemessenen Scheiben (vorn 390, hinten 360 Millimeter Durchmesser) oder auf Wunsch mit Keramikscheiben (402/360 Millimeter). Ein echter Extremist, der Neuzeit-Flügeltürer. 1620 Kilogramm soll er wiegen – nicht übel, obgleich auch nicht so wenig, wie wir es von einem Voll-Aluvolle-Lotte-Sportwagen eigentlich erwarten würden.
Erst bei der 315 Sachen muss der Supersportler die Segel streichenAMG-Antwort: Schließlich handele es sich, Supersportwagen hin oder her, immer noch um einen Mercedes. Und als solcher habe er nun mal seine Verpflichtungen – optimale Crashsicherheit zum Beispiel. Deshalb musste der SLS 35 verschiedene Crashtests erfolgreich absolvieren, wobei in seinem Innern bis zu acht Airbags explodieren – so was zeigt sich halt auch auf der Waage. Dauerhaltbar sollte er ebenfalls sein und natürlich mit den Errungenschaften des modernen Komforts ausgestattet. Da addieren sich zwangsläufig die Kilos. Über Dynamikmangel müssen sich die Kunden aber auch so nicht beklagen. Nur 2,84 Kilogramm kommen auf jedes SLS-PS – wenig genug, um in 3,8 Sekunden Tempo 100 zu erreichen. Und 315 km/h Spitze (abgeregelt) sollten ja auch genügen.
quelle: http://www.autobild.de